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11.11.2019

Interview mit James Ballorini: Porträts mit Persönlichkeit

James Bellorini ist kein Unbekannter in der Porträtfotografie und hat schon viele Gesichter vor seiner Kamera gehabt – darunter Unternehmer, Schauspieler, Artisten und Musiker. Im Interview haben wir James nach dem ultimativen Tipp gefragt, wie man die Persönlichkeit eines Menschen in einem Porträt festhält.

Hallo James, du hast ein immenses Portfolio an Porträts mit den unterschiedlichsten Charakteren. Wie gehst Du an ein Shooting heran, um dein Gegenüber und dessen Persönlichkeit zu verstehen?

Für mich ist Portraitfotografie reine Vertrauenssache. Ich versuche immer, dass sich die Menschen vor meiner Kamera wohlfühlen und sich trauen, ihr wahres Ich preiszugeben. In der heutigen Zeit, wo jeder mehr und mehr auf sein Image bedacht ist, ist das bereits ein großer Schritt. Porträtfotografie beginnt für mich also damit, Vertrauen zwischen meinem Gegenüber und mir aufzubauen. Der Schlüssel hierfür liegt in der Zusammenarbeit.
Für ein erstes Kennenlernen treffe ich mich mit der Person gerne in einem Café oder Restaurant. In solch einer lockeren Umgebung habe ich die Möglichkeit, sie oder ihn am besten kennenzulernen. Während des Treffens frage ich gezielt danach, was meine späteren Porträtmodelle inspiriert und interessiert. Ich versuche z.B. herauszufinden, ob es für sie Orte von besonderer Bedeutung gibt. Ich bin neugierig, aber stets respektvoll. Zudem bin ich ehrlich und offen gegenüber allem, was das Leben so mit sich bringt. Zuhören ist hier wirklich wichtig, genauso wie das Beobachten von Gesten, Eigenarten und Blicken. Das alles nehme ich mit, um erste visuelle Ideen auszuarbeiten. Diese Ideen schlage ich meinem Modell vor, um daraufhin gemeinsam herauszufinden, was sich für uns beide richtig anfühlt. Manchmal ist es einfach, manchmal ist es etwas schwieriger. An dieser Stelle ist Kreativität und der Wille zur Zusammenarbeit mit dem Modell gefragt. Ich werde niemandem etwas aufzwingen, das sich für ihn nicht richtig anfühlt. Umgekehrt bin ich jedoch immer bereit, meinen Plan beim Shooting zu ändern und zu improvisieren. Schon ein Wetterumschwung kann ausschlaggebend sein für eine Planänderung.

 

Wie schaffst Du es, den Charakter deiner Motive herauszuarbeiten?

Durch das erste Kennenlernen im Restaurant ist das Eis bereits vor dem Fotoshooting gebrochen. Es ist eine große Hilfe, dass wir uns nicht fremd sind. Während des Shootings ermutige ich meine Gegenüber mit mir zu reden und zu lachen. Hiervon erhoffe ich mir, dass sie sich während des Shootings fallen lassen können. Einigen Menschen fällt es leicht, sich fallen zu lassen, anderen nicht. Für diejenigen, denen es nicht leicht fällt, habe ich eine Reihe an Tricks und „Spielen“, die helfen. Zum Beispiel lasse ich sie ihre Augen schließen und eine Minute lang über ein vorgegebenes Thema nachdenken. Nachdem ich bis 3 gezählt habe, dürfen sie ihre Augen wieder öffnen. Geduld ist eine absolute Notwendigkeit.
Während des gesamten Shootings spreche ich mit meinem Motiv und stelle ihm Fragen. Dabei versuche ich so oft wie möglich Blickkontakt zu halten. Ich achte aber auch darauf, Momente der Stille in ein Shooting einzubauen.
Während all dem konzentriere ich mich die ganze Zeit auf mein Motiv, vor allem mit dem Blick durch den Sucher, um die flüchtigen Augenblicke zu finden, in denen sich die Pose lockert und die Persönlichkeit sichtbar wird.
Damit ich den perfekten Moment einfangen kann, ist es besonders wichtig, dass ich schnell reagiere: Dabei muss ich mich nicht nur auf mein Können und Wissen, sondern auch auf meine Kamera verlassen können. Ich habe gerade ein großes Porträt-Projekt für eine Ausstellung im Auftrag des Brighton Fringe durchgeführt: 35 Porträts von Interpreten und Künstlern in etwas mehr als 2 Monaten. Alle Porträts habe ich mit meiner GFX 50S und den Objektiven GF32-64mm und GF110mm aufgenommen. Zum einen, weil ich bereits FUJIFILM Kameras vertraut bin und zum anderen, weil ich die technischen Möglichkeiten dieser Kamera nutzen wollte: Da die Porträts im A0-Format gedruckt werden, war mir punktgenaue Schärfe, unterstützt durch das Fokus Peaking, besonders wichtig. Dank der Leistungsfähigkeit konnte ich mich auch im Winter bei Regen und Schnee auf meine Kamera verlassen. Die Bildqualität ist einfach überragend. Obwohl es manchmal zu Schwierigkeiten kam, konnte ich mich jedes Mal auf meine GFX verlassen, sodass außergewöhnliche Porträts entstanden.

 

Du hast es nicht nur geschafft, dass deine Porträts die Persönlichkeit des Motivs widerspiegeln, sondern findest auch die perfekten Orte. Wie wählst du das Setup für ein Shooting?

Wenn es um die Auswahl des Ortes und die Inszenierung geht – das variiert sehr stark.
Im Fall der Ausstellung, die ich erwähnte, wusste ich, dass ich eine gewisse fotografische Kontinuität über die verschiedenen Motive hinweg erreichen wollte. Bei 90% der Bilder habe ich mich für die Aufnahme mit einem einzelnen Blitz abseits der Kamera entschieden – selbst wenn ich im Freien fotografierte. Dadurch, dass die Art der Beleuchtung kontinuierlich eingesetzt wurde, konnte ich mich ganz auf die Aufnahme konzentrieren.
Einige der Orte, die ich wählte, sind aus den ersten Gesprächen mit meinen Motiven hervorgegangen. Hierbei handelte es sich um Orte, die meine Motive mit einer persönlichen Geschichte verbunden haben. Denjenigen, bei denen das nicht der Fall war, habe ich Orte vorgeschlagen. Meistens waren es Orte, die ich auf Reisen gesehen habe und gerne mal nutzen wollte. Ich mag es, wenn Orte mit gegensätzlichen Elementen verbunden werden. Überraschung gemischt mit der Wahrheit – das ist es, was ich mit meiner Fotografie festzuhalten versuche.