07.06.2019 Brian Lloyd Duckett

Streetfotografie: Stellen Sie sich Ihrer Angst – Teil 2

Brian Lloyd Duckett

Brian Lloyd Duckett (‘Duck’ to his friends) is a documentary, travel and street photographer and he runs the London-based StreetSnappers and TravelSnappers workshop businesses. He is also a partner in a commercial photography business, shooting for corporate annual reports, advertising campaigns and other marketing collateral. But his real passion has always been for street photography.

Brian’s interest in photography started at school where he had access to a darkroom, the encouragement of a great art teacher (thank you, Mr Freear) and a firm belief that ‘the guy with the camera’ would be more attractive to girls. His first published newspaper picture, at the age of 15, was of a dead dog in a litter bin.

Brian runs street and travel photography workshops around the UK and in European cities such as Lisbon, Venice and Prague – with other cities to follow. He runs workshops for small groups and also one-to-one workshops and mentoring programmes. He teaches as a Visiting Lecturer on photography degree courses and is a lecturer and judge at camera clubs across the UK.

His first book, ‘Mastering Street Photography’, has become a best seller and the follow-up – ’52 Assignments: Street Photography’ – is hot on its heels (both published by Ammonite Press). He also writes for blogs and for travel and photography magazines.

Outside of photography, Brian’s passions for tennis and sailing almost compensate for his love of all things Italian – not least the food and the wine.

Keine Angst vor kritischen Fragen

Je mehr Erfahrung Sie in der Streetfotografie haben, desto besser können Sie mit auftretenden Problemen umgehen. Beim Fotografieren von fremden Menschen auf der Straße müssen Sie damit rechnen, dass Sie kritisch darauf angesprochen werden.
Ich bekomme regelmäßig Fragen wie “Warum haben Sie gerade ein Foto von mir gemacht?” oder “Haben Sie mich gerade fotografiert?”.
Die meisten Leute fragen aus purer Neugierde, aus Verwirrung oder weil sie sich geschmeichelt fühlen. Nur die wenigsten sind tatsächlich verärgert. Dennoch weichen viele Fotografen diesen unangenehmen Situationen am liebsten aus. Wir möchten weder von jemandem gefragt werden, warum wir ihn fotografiert haben, noch von jemandem aufgefordert werden, Bilder zu löschen, von körperlichen Auseinandersetzungen ganz zu schweigen. Es ist am einfachsten, wenn Sie sich diesen Situationen gar nicht erst aussetzen. Die Chancen, unbemerkt fotografieren zu können, sind höher, wenn Sie schnell und leise arbeiten. Zudem sollten Sie unauffällige Kleidung tragen und versuchen, die Menschen nicht zu provozieren.
Werden Sie dennoch einmal angesprochen, müssen Sie sich nicht rechtfertigen. Manche Streetfotografen lehnen Konversation gänzlich ab, auch wenn dies ein wenig unhöflich wirken kann.
Die Neugierde der Leute lässt sich oft bereits mit einer kurzen Antwort stillen, die Sie im Vorfeld für eine solche Situation vorbereitet haben. Ein paar Beispiele für Antworten sind: “Ich arbeite an einem Projekt”, “Ich führe einen Fotografie-Workshop durch“ oder “Ich dokumentiere das städtische Leben”. Seien Sie freundlich und lächeln Sie, so bieten Sie keine Angriffsfläche.
Wenn Sie beim Fotografieren einer Person bemerkt werden, empfehle ich immer zu lächeln, sich zu bedanken und dann wegzugehen. Die meisten Leute werden einfach zurücklächeln und nicht weiter darauf eingehen. Vermeiden Sie es, in Gespräche verwickelt zu werden. Oftmals führen Gespräche dazu, dass die Leute die Bilder sehen möchten. Dann werden Sie möglicherweise aufgefordert, die Bilder zu löschen.

Distanz halten

Sie sind mit Sicherheit schon einmal auf die „Regeln“ der Streetfotografie gestoßen. Eine davon besagt, dass Sie nah an Ihr Fotomotiv herantreten müssen, um eine gute Streetaufnahme zu erhalten. Ich kenne einige sehr gute Streetfotografen, für die diese Regel der Heilige Gral der Streetfotografie ist. Meiner Meinung nach ist dieser Ansatz manchmal unerlässlich und oft sehr hilfreich, aber spüren Sie den Atem Ihres Motivs, sind Sie wahrscheinlich zu nah.
Der legendäre Fotojournalist Robert Capa plädierte dafür, nah heranzugehen. Wahrscheinlich meinte er relativ nah, oder anders gesagt, nah genug, um die richtige Komposition zu erhalten.
Bei vielen Streetfotografie-Aufnahmen wird heute die Kamera direkt in das Gesicht des Motivs gehalten – oft aus weniger als einem Meter Entfernung. Aber ist das wirklich das, was Sie wollen? Es mag ausgefallen, provokativ und derzeit in Mode sein, aber vielfach vermitteln diese Bilder ein klaustrophobisches Gefühl.
Dieser Art der Streetfotografie mangelt es oft an ästhetischem Wert, was sie meiner Meinung nach sinnlos macht. Wer möchte eine Nahaufnahme eines zufälligen Fremden, der aus einem Starbucks Café kommt? Ich denke, Streetfotografie hat viel mehr zu bieten.
Ein weiterer Nachteil dieser Nahaufnahmen ist, dass jeglicher aussagekräftiger Hintergrund eliminiert wird. Die Streetfotografie lebt aber auch von dem Umfeld, in dem die Bilder aufgenommen werden.
Natürlich gibt es auch Situationen, in denen es vorteilhaft oder sogar essentiell ist, ganz nah an das Motiv heranzutreten. Aber lassen Sie es nicht zu einer unbeugsamen Regel für die Streetfotografie werden.

Desensibilisieren

Psychologen definieren Desensibilisierung als “verminderte emotionale Reaktion auf einen negativen, aversiven oder positiven Reiz nach wiederholter Einwirkung”. Mit anderen Worten: Je öfter Sie etwas machen, desto leichter fällt es Ihnen. Vertrautheit schafft Akzeptanz.
Wenn Sie beispielsweise panische Angst vor dem Zahnarzt haben, würden Sie bei Ihrem ersten Besuch ausschließlich die Praxis besuchen, den Zahnarzt kennenlernen und sich in aller Ruhe umschauen. Bei Ihrem zweiten (und vielleicht auch dritten) Besuch lassen Sie eine kleine Routine-Untersuchung durchführen. Alle weiteren Behandlungen würden erst später folgen. Mit anderen Worten: Sie werden erst kleinen, dann aber stetig zunehmenden Reizen ausgesetzt, bis Sie sich halbwegs wohl fühlen und den Stimulus akzeptieren können. Dieses Konzept mag zunächst sehr wissenschaftlich klingen, lässt sich jedoch auf unseren Fall erfolgreich übertragen.
Sie können sich schrittweise über Wochen dem Motiv annähern, bis Ihre Angst immer kleiner wird und irgendwann nicht mehr vorhanden ist. Wie lange dieser Vorgang dauert, hängt zum einen von der Intensität der Angst und zum anderen von der eigenen psychologischen Verfassung ab. Probieren Sie es aus – es funktioniert!

Schnelle Reaktion

Je weniger Zeit Sie benötigen, um ein Foto aufzunehmen, desto wahrscheinlicher ist es, dass Sie unentdeckt bleiben und eine unangenehme Situation gar nicht erst entsteht. Mit den folgenden Techniken können Sie Ihre Streetfotografie beschleunigen:

• Halten Sie Ihre Kamera aufnahmebereit: Je länger Sie für die Einstellung Ihrer Kamera benötigen, desto wahrscheinlicher ist es, dass Sie entdeckt werden. Eine gute Faustregel ist, die Blende auf F8 einzustellen und einen ISO Wert von 1200. Diese Einstellung passt bei mir in 90% der Fälle. Bei Kameras wie meiner FUJIFILM X100F sind ISO-Werte von 1200 oder sogar 3200 ein Kinderspiel. Riskieren Sie lieber ein minimales (kaum wahrnehmbares) Bildrauschen, als eine verschwommene Aufnahme.

• Gestalten Sie das Foto in Ihrer Vorstellung: Legen Sie den Bildausschnitt zuerst in Ihrem Kopf fest und nehmen Sie die Kamera erst unmittelbar vor der Aufnahme hoch.

• Benutzen Sie eine Festbrennweite: Wenn Sie Ihre Zeit mit Zoomen verschwenden, erhöht sich sowohl das Risiko, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen, als auch entdeckt zu werden.

• Verwenden Sie Fokus-Zonen: Stellen Sie Ihre Kamera auf manuelle Fokussierung mit einer vorgegebenen Entfernung ein. Angenommen, Sie arbeiten mit einer kleinen Blende von mindestens F8 und fokussieren auf ein Motiv in etwa 3 m Entfernung, dann wird der größte Teil Ihres Motivs im entscheidenden Bereich (wahrscheinlich zwischen 2 und 5 m) scharf abgebildet sein. Im manuellen Fokusmodus reagiert Ihre Kamera schneller und Sie können besser auf sich verändernde Situationen reagieren.

• Stellen Sie sicher, dass Ihre Kamera angeschaltet und stets einsatzbereit ist: Natürlich wird hierdurch die Akkulaufzeit verringert, aber was nützt ein voller Akku, wenn Sie den richtigen Moment verpassen?

• Verwenden Sie eine Handschlaufe statt eines Schultergurts: Durch die Handschlaufe ist Ihr Finger immer auf dem Auslöser und die Kamera ist schnell einsatzbereit.

Unentdeckt bleiben

Die folgenden Techniken helfen dabei unentdeckt zu bleiben:

• Fotografieren Sie an Leuten vorbei: Diese Technik eignet sich besonders gut, wenn Personen auf Sie zugehen und Sie ein Weitwinkelobjektiv verwenden (je weiter, desto besser – ein Bereich zwischen 28 mm und 35 mm ist perfekt). Bringen Sie einfach Ihre Kamera auf Augenhöhe, ignorieren Sie die Leute vor Ihnen und tun Sie so, als würden Sie etwas in der Ferne fotografieren. Schauen Sie die Fremden nicht an und konzentrieren Sie sich auf den Raum hinter ihnen. Wenn sich die entsprechende Person im Bildausschnitt befindet, drücken Sie ab. Halten Sie die Kamera einfach auf Augenhöhe, bis die Person an Ihnen vorbeigegangen ist. So hat sie keine Ahnung, dass sie gerade fotografiert wurde.

• Fotografieren Sie auf Hüfthöhe: Sobald Sie Ihre Kamera zu Ihrem Gesicht heben, versetzt es die Leute in Alarmbereitschaft. Mit ein wenig Übung (und einer Menge verschwendeten Bildern) lernen Sie nach und nach, wie Sie Ihre Kamera und Ihr Objektiv optimal einsetzen. Außerdem lernen Sie mit der Zeit, aus welchen Winkeln Sie die besten Fotos aufnehmen können. Wenn Ihre Kamera über ein klappbares LCD Display verfügt, wird das Fotografieren aus Hüfthöhe viel einfacher. Obwohl diese Technik von vielen Streetfotografen vermieden wird, ist es dennoch eine nützliche Alternative, die mit einem Weitwinkel-Objektiv gut funktioniert. Allerdings sollten Sie sich nicht zu sehr auf diese Technik verlassen. Gewöhnen Sie sich an, den Sucher zu verwenden, und nur dann aus der Hüfte zu fotografieren, wenn es nicht anders umsetzbar ist.

Im dritten und letzten Teil dieses Blogbeitrages, werde ich Ihnen weitere Tipps und Tricks der Streetfotografie verraten.

**Bitte beachten Sie, dass die Ansichten und Meinungen in diesem Artikel die des Autors sind.**

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