Headshots - die Geschichte dahinter

35 Grad, Smog, Lärm einer zahllosen Menge an Menschen, undefinierbare Gerüche. Nicht selten waren die langen Transferfahrten auf meiner letzten Reise in Indien nicht nur lästiges Übel, sondern auch eine Möglichkeit mal kurz den "Pause"-Button zu drücken und aus dem heillosen Chaos da draußen auszusteigen. Auf eben so einer Fahrt von Mumbai in Richtung Kochi gelang mir ein (für mich immer noch Highlight-) Shot dieses Aufenthalts: Das Porträt eines älteren Mannes das mich immer noch auf eine gewisse Art berührt. Der Herr sprach mich bei einer kurzen Fahrpause an: "Ob ich ihn mal fotografieren wollen würde?" Nicht gegen Geld, er hätte einfach Lust darauf auf einem Foto festgehalten zu werden. Diesen Ausdruck in Gesicht und Augen bekommt kein Model der Welt auf Knopfdruck hin und doch lies mich der Gedanke nicht los, so etwas in der Art reproduzierbar machen zu wollen. Und hier war es: Das gesuchte fotografische Erweiterungsfeld, das mein neues Motto komplettieren sollten: Portraits & Stories

Zurück in Deutschland beschäftigte ich mich intensiv mit dem Thema. Ich suchte nach einer so simplen wie raffinierten Umsetzung und einer Bildästhetik, die sich auch in meinen Reportagen wiederfand. Quasi etwas Artverwandtes, was ebenso in Farbe wie in Schwarzweiß funktioniert. Nach Tagen voll von Gedankensortieren und Abwägen verschiedener Ideen hatte ich es: Es sollten sogenannte Headshots werden. Alle in Hochkant und mit weißem oder schwarzem Hintergrund, jeweils ein Bild in Farbe oder Schwarz-weiß. Als Lichtquelle entschied ich mich dafür, ausschließlich Tageslicht zu benutzen. Alle Aufnahmen sollten mit der neuen Fujifilm GFX 50s und dem nagelneuen GF110mm f2 geschossen werden.

Der Stil, den ich umsetzen will, ist natürlich, offenblendig und modern - das alles ohne große Beautyretuschen. Diese Art der Retusche würden die Headshots nur trivialer wirken lassen. Ich will die Wahrheit. Echte Gesichter - ob jung, alt, Mann oder Frau. Das setzte allerdings ein gutes Hautbild der Protagonisten voraus, von welchem ich mich beim Casting für die erste Produktion selbst überzeugen wollte. In Zusammenarbeit mit einer bekannten Münchner Agentur schauten wir uns ungefähr 35 Modelle für die geplante Strecke an. Mein Plan war es, 10 Personen für die Headshots-Strecke zu finden, was sich nach der Sichtung auch eher als eine Punktlandung als die Qual der Wahl herausstellte. Ich wolle schließlich auch eine charakterliche Vielfalt darstellen und keine Aneinanderreihung auswechselbarer "Schönheiten". 

Für die Umsetzung hatte ich ein schönes, großzügiges Studio im Glockenbachviertel in München angemietet, was nicht nur die Voraussetzungen für die gewünschten Lichtverhältnisse optimal erfüllte. Vielmehr berücksichtigte die Wahl noch einen anderen Aspekt, der mir bei meiner Arbeit immer wichtig ist: der Wohlfühlfaktor für alle Beteiligten. An meinen Sets ist stets eine familiäre Atmosphäre, was mir persönlich für meine Stimmung wichtig, aber noch wichtiger für die Protagonisten ist. Es ist der erste Schritt, praktisch das Fundament, um dann beim Abbilden selbst von Ihnen zu bekommen, was die Motive brauchen.

Mein Werkzeug (GFX 50S + GF110mm) war hochwertig, alles andere war auf das Nötigste beschränkt. Keine großen Aufbauten, keine Blitzer oder Lampenschirme. Einzig ein kleiner Hintergrund am Fenster, eine Markierung am Boden und ein großer silberner Reflektor warteten auf die Modelle. Mein Team bestand aus 3 Assistenten und einer Visagistin. Ich arbeite stets mit der gleichen Crew, was mittlerweile ein fast blindes Zusammenarbeiten ermöglicht.

Ein Portraitshooting ist oft wie ein Tanz. Auf der einen Seite braucht es Führung, auf der anderen Seite muss man als Fotograf auch loslassen können. Die meisten Menschen sind einem ja doch fremd, es gab im besten Falle einen kurzen Erstkontakt bei einem Casting, manchmal auch selbst das nicht. So weiß man oft nicht, wer da eigentlich durch die Tür kommt. Dass mich heute eher die Wahrheit, der Mensch an sich, interessiert und keine gekünstelte Situation oder das sogenannte Posing ist für viele doch recht ungewöhnlich, da ich oberflächlich wenig bis gar nichts von ihnen verlange. Ja, ich fordere regelrecht zum Nichtstun auf! Sagen wir es so, ich komme zu meinem Motiv oft mit dem Mittel der "freundlichen" Manipulation. Meist brauche ich nicht länger als 15 Minuten reine Schusszeit, mal etwas mehr, mal weniger. Und klar, könnte ich aber auch einen Staatsmann in 30 Sekunden ablichten, wenn es nicht anders geht.

Die Strecke auf Mittelformat zu produzieren, war für mich unüblich. Normal habe ich das in der Vergangenheit versucht zu vermeiden, wo es nur ging. Das aus 3 Gründen: die Auslösegeschwindigkeit, die AF-Geschwindigkeit sowie die wirklich unterirdische Performance der Fokussierung, wenn man offenblendig arbeiten wollte. Mit der neuen GFX 50S gehört das nun alles der Vergangenheit an, was mich schon Anfang des Jahres bei der Markteinführung geflasht hatte. Ich habe alle Headshots mit dem neuen GF110mm bei Blende f2 bis f2,5 geschossen. Die Optik bildet mit der Kamera für diese Arbeiten einfach eine perfekte Einheit. Dazu benutze ich zur leichten Stabilisierung lediglich ein Einbeinstativ. Der AF sitzt und die Ergebnisse sprechen von der Schärfe her einfach für sich.

Für mich erschließt sich nun fotografisch durch das GFX Mitteformatsystem eine neue Welt, welche entdeckt werden will. Ihr dürft mit mir gespannt sein, was sich in der nächsten Zeit noch alles so tun wird.

GFX 50S & GF110mmF2 R LM WR
GFX 50S & GF110mmF2 R LM WR
GFX 50S & GF110mmF2 R LM WR
GFX 50S & GF110mmF2 R LM WR
GFX 50S & GF110mmF2 R LM WR
GFX 50S & GF110mmF2 R LM WR
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GFX 50S & GF110mmF2 R LM WR
GFX Stories with Thorsten Rother
Über den Autor
Thorsten Rother

Thorsten Rother geboren 1973 in Osnabrück, hatte im Alter von 5 Jahren seine ersten Berührungspunkte mit einem visuellen Medium in Form einer alten Kodak Instamatic Kamera.

Nach Schulabschluss absolvierte Thorsten zuerst eine kaufmännische Ausbildung in der Werbebranche. Direkt danach zog es ihn jedoch bereits in die Selbständigkeit. Zusammen mit einem Freund gründete er eine Event- und Werbeagentur.

Die Liebe zum Bild ließ ihn dennoch nicht los. Im Alter von 26 Jahren wechselte Thorsten die Branche und ging in die Fotografie. Seine Karriere begann als Fotoassistent bei einigen bekannten Fotografen, wodurch er sehr viel an Erfahrung für die folgenden Jahre sammeln konnte.

Seit 2001 ist er unter seinem eigenem Namen unterwegs. Anfangs überwiegend im Bereich Editorial, in dem seine Bilder bis heute u.a. beim GQ Magazin, Mercedes-Benz Magazin, STERN, FOCUS (Titelbilder), MAX, DIE ZEIT, GEO Special, BMW Magazin veröffentlicht wurden.

Ab 2004 konzentrierte sich Thorsten zunehmend mehr auf die Werbefotografie und stieg schnell in den Kreis der bekannten Namen in der Branche auf. Er arbeitet für Marken wie PORSCHE, Mercedes-Benz, Rodenstock, IKEA, SIEMENS, POSTBANK, DUNLOP, Adelholzener, BMW und ZEISS.

2008 erweiterte sich das Arbeitsspektrum auf Bewegtbilder, begonnen mit der Produktion einfacher “Editorial Moving Images”. Schnell entwickelten sich aber hier seine Fähigkeiten so, dass er die Herausforderung in komplexeren Aufträgen suchte. Heute arbeitet er als Regisseur für Kunden wie z.B. Volkswagen, Porsche, BMW, Telekom, Tesla und Siemens.

Anfang 2016 begann schließlich eine beispiellose Zersetzung des klassischen fotografischen Werbemarkts, der bis heute anhält. Thorsten stellte sich auch dieser Herausforderung und sein komplettes Tun und Handeln stand auf den Prüfstand. Er brach mit überholten Arbeitsgewohnheiten, kehrte fotografisch zu seinen Wurzeln zurück, ließ aber dennoch die Gegenwart einziehen. Klassische Fotografie in einem modernen Gewand. Thorsten ist im Bereich der professionellen Fotografie bestens vernetzt und inzwischen auch als Markenbotschafter, Interviewpartner und Gastredner tätig, was für ihn in keinem Widerspruch zur Auftragsfotografie steht. Im Gegenteil: er hält es für notwendig, dass man sich auch als renommierter Fotograf breit aufstellt und konsequent neue Wege geht.

Der Mensch als Individuum steht bei ihm fotografisch im Fokus und genau das spiegeln auch seine Bilder wider. Authentizität darf kein Werbeslogan sein, sondern bedarf, wie das Wort schon sagt, etwas Echtem – den einen kurzen besonderen Moment, den man in einem Foto einfängt.

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